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EXHIBITION AT ARTARY STUTTGART




CRYSTAL METH MYTHS

Die Gruppenausstellung Crystal Meth Myths zeigt aktuelle Arbeiten von Alexander Binder (Stuttgart), Hannes Müller-Stucki (Berlin) und Bora Tanay (Istanbul), die auch, aber nicht ausschließlich unter dem Einsatz digitaler Medien entstanden sind.

Im Zeitalter von „Hyper Locality“ und „Augmented Reality“ bestimmen technische Gadgets unseren Alltag und entscheiden über die kollektive und subjektive Wahrnehmung von Gegenständen und Ereignissen. Über die reale Welt haben sich längst mehrere digitale Informationsebenen gelegt, die nur anhand vordefinierter Nutzerprofile bestimmter Communitys entschlüsselt werden können. Die sogenannte Synthetisierung des Alltags und der Gesellschaft hat das Bedürfnis nach einem übergeordneten sinnstiftenden Inhalt geschaffen, der über die subjektive formale Wahrnehmung hinausgeht – eine neue Sehnsucht nach Mystik, Einkehr, innerem Erleben des Menschen mit dem Ziel unmittelbaren Einswerdens mit einem anderen, oft transzendenten Sein: mit einem objektiven Seinsgrund, mit der Geschichte, mit Gott, mit der Welt, mit dem Selbst usw. – je nach Ausgangspunkt.

Binder, Müller-Stucki und Tanay erschaffen artifizielle Erlebnisse, deren Abstraktion einen vordergründigen Objektivismus schafft. Geometrische Strukturen und konkrete Körper trennen sich klar von Hintergrund und Umfeld ab. Die Fotografien, Illustrationen, Objekte und Installationen bestechen durch eine „hippe“ Ästhetik, ohne jedoch aufgesetzt zu wirken und bedienen sich aus dem aktuellen Zeichenschatz der Popkultur. Dabei werden dennoch zahlreiche Querverweise aus der Kunstgeschichte hergestellt und Links aus den Bilddatenbanken der sogenannten transformierten Generation – von analog nach digital – gesetzt. Die Nähe zur Ästhetik des Computerspiel-Designs mag dabei nicht zufällig wirken.

Die Konstruktionen der Künstler erscheinen wie anorganische Formulierungen, die verstörend und befremdlich die Aufmerksamkeit des Rezipienten einforden, ohne Antworten zu liefern. Isoliert, in distanzierter Haltung zum Betrachter, wird ein unilateraler Zugang zu den Inhalten vorausgesetzt, der den vermeintlich künstlichen Charakter der Arbeiten verstärkt. Binder, Müller-Stucki und Tanay machen sich dabei digitale Technologien zunutze, versklaven sie für ihre Zwecke, aber persiflieren gleichzeitig durch die situative Absurdität der erzeugten Bilder die Technisierung und stellen damit ihre künstlerische Allmacht in Frage. In der Mehrdimensionalität der Arbeiten stecken Analyse und Synthese, Kontrolle und Kontrollverlust, Beschleunigung und Entschleunigung, Organik und Anorganik, Trend und Gegentrend.

Im Rahmen der Ausstellung findet am 10.06.2010 um 19.00 Uhr ein Vortrag des bulgarischen Künstlers Iassen Markov unter dem Thema „Photoshop Overkill“ statt.